Gotteshaus unter den Menschen


Chronik der Seelzer Kirchengebäude

von Matthias Hoyer
 

Die erste Kirche

Vom Bau und Aussehen der ersten Kirche wissen wir nichts Genaues. Zeichnungen von dem Vorgängerbau der jetzigen Kirche liegen erst aus dem Jahr 1746 vor. Ob es sich freilich bei dem, was uns da überliefert ist, um die erste Seelzer Kirche handelt, ist fraglich. Ein Indiz legt aber immerhin nahe, daß es sich zumindest in Teilen oder im Kern um den mittelalterlichen Ursprungsbau handelt. Pastor Mensching berichtet nämlich, daß bei Aufräumarbeiten im Chorraum nach dem Großbrand 1755 Grabstein und  Sarg der Edlen Mechtildis von Lona gefunden wurden. Diese Adelige aus Lohnde ist höchstwahrscheinlich um 1240 verstorben und in der (damaligen) Kirche beigesetzt worden.

Da die Kirche 1385 durch Kriegshandlungen zerstört oder schwer beschädigt worden ist, kann sie eigentlich nur in Teilen, wenn nicht gar nur in den Grundmauern erhalten geblieben sein. Und das vermutlich um 1400 neu erbaute oder instand gesetzte Gebäude ist in der Folgezeit mehrfach erweitert und verändert worden zu der Gestalt, welche kurz vor dem Brand zeichnerisch festgehalten wurde. Die wichtigste Erweiterung, von der wir wissen, ist der Anbau der Sakristei 1493.

Den Aufzeichnungen Pastor Menschings von 1763 verdanken wir eine Information über die Anzahl der Sitzplätze in der alten Kirche. Er schreibt, daß „317 Manns- und 229 Frauens-, in allem 546 Stände (=Plätze)“ vorhanden waren. Dazu kam noch die „Junkern-Prieche hinter dem Altare“ (Prieche=Empore). Auch eine Orgel hatte die alte Kirche schon seit langer Zeit. Die früheste Nachricht darüber ist eine Abrechnung, aus der hervorgeht, daß die Orgel 1597 mit großem Kostenaufwand repariert worden ist.

Bemerkenswert erscheint außerdem, daß im Turm der alten Kirche fünf Glocken hingen. „Die größte Glocke mit dem Bilde des St. Peter wog 30 Zentner“, schreibt Heinrich Wittmeyer. 1696 mußte der Turm wegen Baufälligkeit erneuert werden (was auch immer das genau bedeutete).

Der große Brand

Im Jahr 1738 versuchte Pastor Berkelmann, die Genehmigung für eine große Kirchenreparatur zu bekommen. Nach jahrelangen Verhandlungen um Genehmigungen und Finanzierung sollte die Renovierung schließlich im Jahre 1755 durchgeführt werden. Doch am 30. Juli 1755 brannte die Kirche (zusammen mit dem halben Dorf) vollständig nieder, nur der Taufstein vom Ende des 17. Jahrhunderts zeugt heute noch von der alten Kirche.

Zunächst diente ein Teil der Scheune des adeligen Gutes derer v. Hugo als Notkirche. Als 1759 die Pfarrscheune fertiggestellt war, wurden hier die Gottesdienste gehalten.

Der Neubau 1766 - 1769

Erst nach Beendigung des Siebenjährigen Krieges (1756 - 1763) konnte man 1764 an den Kirchenneubau denken. Das Gebäude wurde (nach Plänen des Konsistorialsekretärs Arenhold) im schlichten Bauernbarockstil als Predigtsaal ausgeführt. Der sogenannte Kanzelaltar (von Johann Friedrich Zieseniß) verband Altar und Kanzel in einem Stück, um damit den protestantischen Gedanken der Gleichwertigkeit von Predigtwort und Abendmahlsausteilung zum Ausdruck zu bringen. Die Kosten wurden mit 4120 Talern für die Kirche und weiteren 1616 Talern für den Turm und einiges andere abgerechnet.

1766 wurde mit dem Bau begonnen und nach dreijähriger Bauzeit war die Kirche am 25. März 1769 fertiggestellt. In den alten Listen der Abendmahlsgäste ist unter dem Sonntag nach Ostern, der im Kirchenjahr den Namen „Quasimodogeniti“ trägt, notiert: „Domin Quasimodo Zum ersten in der neuen Kirche.“ Es war der 2. April 1769, als die Gemeinde nach vielen Mühen um den Wiederaufbau endlich den ersten Gottesdienst in der neuen Kirche feiern konnte.

Kirchstuhlverkauf mit Hindernissen

Die Kirchenplätze sollten - wie es der Brauch war - von den Hofstellen, also von den Gemeindemitgliedern gekauft werden. Niemand zog dies grundsätzlich in Zweifel, doch waren die Einwohner des Kirchspiels der Meinung, sie hätten all die Jahre soviel für den Kirchenbau geleistet, daß der Kaufpreis für die Kirchenstühle (der eigentlich - ähnlich wie heute noch bei Grabstellen - eher ein Mietpreis auf Zeit war) entsprechend niedrig ausfallen müßte. Man konnte sich lange Zeit nicht mit der obersten Kirchenbehörde, dem Konsistorium in Hannover, über den Preis einigen. Bis 1777 zog sich dieser Streit, in dem Pastor Mensching die ganze Zeit um Vermittlung bemüht war, hin. Wie er ausgegangen ist, ist aus den überlieferten Akten nicht ersichtlich.

Die neue Orgel

1777 erhielt die Kirche ihre neue Orgel, deren Prospekt bis heute erhalten ist. Dies wurde trotz der Finanznot der Gemeinde möglich, weil zwei Jahre zuvor der aus Südamerika heimgekehrte und dort zu Wohlstand gelangte Cord Hinrich Marcs der Kirche 700 Reichsthaler in Gold zum Zins von 4%  mit der Maßgabe geliehen hatte, daß der Zins nur bis zu seinem Tode zu zahlen sei, danach sollte das geliehene Kapital der Kirche zufallen. Schon ein Jahr später verstarb Marcs – ohne die neue Orgel gehört zu haben.

Bauliche Verbesserungen im 19. Jahrhundert

Ein gutes Jahrhundert nach dem Großbrand von 1755 war die Seelzer Kirchenkasse wieder wohl gefüllt. So erhob sich in der Gemeinde der Wunsch, die Kirche im Winter zu den Gottesdiensten beheizen zu können. 1865 wurden daraufhin erstmals zwei Öfen aufgestellt. Drei Jahre später ging man daran, den Steinfußboden mit Dielen zu belegen, und 1874 erhielt die Kirche außen einen Zementverputz.

Die repräsentative Turmspitze von 1876

Vom 23. Mai bis 28. September 1876 wurde nach den Plänen des hannoverschen Kirchenbaurates Conrad Wilhelm Hase von Maurermeister Grastorf dem Turmstumpf eine prächtige Spitze aufgesetzt. Das 16.000 Mark teure Vorhaben war nach intensivem Werben durch Kantor und Lehrer Wilhelm Feldmann vom Kirchenvorstand in Auftrag gegeben worden.

Kantor Wilhelm Feldmann schrieb 1876 über den Bau der Turmspitze:

Im Laufe der Zeit hatte sich das Kirchenvermögen so vermehrt, daß der Kirchenvorstand beschließen konnte, den Turm mit einer neuen Spitze zu versehen. Namentlich war es die Furcht der weltlichen Kirchenvorsteher, die Preußen [die das Königreich Hannover 1866 annektiert hatten] könnten das gesamte Kirchenvermögen, das sich auf 75000 Mark belief, einziehen, die dieselben zu dem Beschlusse, eine neue Spitze zu bauen, veranlaßte.“

Über die Anteilnahme des Kirchenvolkes an diesem Projekt schrieb der enttäuschte Kantor: „Wenn man hätte annehmen können, daß die Gemeinde, da sie einen schönen Turm bekäme, sich über denselben gefreut, so war diese Annahme eine sehr fehlsame. Gleichgültig sahen sie dem Baue zu, der doch bestimmt war, eine Zierde ihres Gotteshauses, ihres Ortes und ihrer Gegend zu werden, ja es fehlte nicht an Stimmen, die den Bau als überflüssig und verschwenderisch bezeichneten.“

Renovierungen und Umbauten im 20. Jahrhundert

1934 nutzte die Kirchengemeinde die neuen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen der Nationalsozialisten und sanierte ihren Kirchenraum. Der dunkle Innenanstrich wurde durch einen hellen grau-weißen Farbton ersetzt. Außerdem wurde ein Kellerraum angelegt, in dem der Heizkessel für die neue Luftheizung  untergebracht wurde. Zwischen den Kirchenbänken wurde im Rahmen dieser Renovierung erstmals ein Mittelgang angelegt. Für die Bezahlung der Renovierungsarbeiten nahm die Kirchengemeinde 15.000 Mark auf. Und auch die Orgel, welche 1889 völlig neu gebaut worden war, wurde umgebaut und erneuert.

Von 1964 bis 1966 kam es zur nächsten Renovierung, welche die Kirche kräftig umgestaltete. Zunächst bekam sie einen neuen Außenanstrich, dessen angeblich historische Farbzusammensetzung die kirchliche Denkmalpflege gegen den Widerstand des Kirchenvorstandes durchsetzte. Aber kaum fielen die ersten Regentropfen auf den neuen Anstrich, da verlief die Farbe ... (Erst 1979 erhielt die Kirche ihren jetzigen Außenanstrich.) Im Inneren der Kirche riß man den alten Sandsteinfußboden heraus und verlegte ein Holzparkett. Der Altarraum wurde mit Marmor ausgelegt, und den Altartisch stellte man frei in den Raum, so daß die Liturgen dahinter der Gemeinde zugewandt stehen konnten. Die alten Kirchenbänke wurden durch Einzelstühle ersetzt. Das Ganze kostete die Kirchengemeinde 388.000 DM. Als dann auch noch die Orgel erneuert werden sollte, waren nur noch 70.000 DM dafür übrig, so daß sie nur notdürftig fertiggestellt werden konnte. Von den vorgesehen 28 Registern wurden daher vorerst nur zwölf erstellt.

Wieder 30 Jahre später ging man ein drittes Mal in diesem Jahrhundert daran, Kirche und Orgel zu sanieren. Von Sommer 1995 bis Sommer 1996 wurde in der Kirche gearbeitet, wobei der Kirchenraum im wesentlichen nur eine neue Farbgebung erhielt und der Heizkessel von 1934 erneuert wurde. Diese Renovierung hat die Kirchengemeinde ungefähr 330.000 DM gekostet. Die Orgel wurde nun von der bayrischen Firma Jann endgültig überholt und auf die ursprünglich einmal vorgesehenen 28 Register erweitert. Am 21. April 1996 wurde die Kirche wieder eingeweiht und am 18. August 1996 schließlich auch die Orgel. (Aus diesem Anlaß ist eine gesonderte Festschrift erschienen.)

Herkunft der Informationen:

Chronik von Wittmeyer; Corpus bonorum von Pastor Mensching, Protokollbuch der KV-Sitzungen und Kirchenboten; eigene Erinnerungen